Gunnar Fehlau
Leider zeigen die Studien, dass die Stimmung im Verkehrsraum rauer wird.
1. Drei Minuten vor der ersten Frühjahrsfahrt oder nach einer langen „Radelpause“: Welche Handgriffe bringen den größten Sicherheitsgewinn?
Drei Minuten vor der Fahrt erst mit dem Check zu beginnen, ist bereits ein Risiko. Wer Sicherheit haben möchte, sollte rechtzeitig planen, um bei Bedarf defekte Teile zu kaufen oder bei größeren Reparaturen einen Termin in einer Werkstatt zu bekommen. Was man aber selbst machen kann: Bremsbeläge prüfen. Das geht einfach festzustellen: Lässt sich der Bremshebel komplett an den Griff ziehen, müssen die Bremsbeläge erneuert werden. Funktioniert die Bremse danach immer noch nicht richtig, steht bei hydraulischen Scheibenbremsen das Entlüften an, was aber ein Fachmann übernehmen sollte. Ein weiterer einfacher Arbeitsschritt ist, den richtigen Reifendruck zu kontrollieren. Dafür nimmt man eine Luftpumpe mit Manometer. Angaben zum richtigen Reifendruck findet man auf der Reifenflanke. Bei der Gelegenheit kann man das Rad auch auf lockere Speichen überprüfen, die man mit einem Speichenschlüssel wieder festzieht. Danach braucht die Kette ein wenig Zuneigung: Das alte Kettenöl mit einem Tuch entfernen und neues Kettenöl auftragen. Wenn man die Kette nicht regelmäßig einem Service unterzieht, kann sie rosten, was zum Kettenriss und im schlimmsten Fall zum Sturz führen kann. Danach gilt es, die Schraubverbindungen zu prüfen und wieder festzuziehen. Zu guter Letzt checkt man noch, ob das Licht funktioniert oder Fehler durch ein lockeres Kabel auftreten. Dann eine kurze Runde um den Block, ob alles passt und schon kann die Tour starten.
2. Der Umstieg aufs Pedelec. Mehr Gewicht, mehr Antritt, mehr Tempo bei gleicher Strecke. Was ist beim Wechsel technisch und fahrerisch anders und wie gelingen die ersten Kilometer?
Ganz wichtig ist am Anfang, das Fahrzeug kennenzulernen. Die Unterstützung des Motorsystems kann überraschen und ungewohnt sein. Das Training macht man am besten nicht direkt im fließenden Verkehr, sondern in einem Schonraum, z. B. auf einem Parkplatz am Sonntag oder in einem verkehrsberuhigten Bereich. Dabei gilt: Nicht gleich im Turbomodus starten, sondern sich langsam im unteren Unterstützungsmodi an das Fahrverhalten und die Geschwindigkeit herantasten. Hinzu kommt, dass E-Bikes in der Regel hydraulische Scheibenbremsen haben, die eine stärkere Bremsleistung aufweisen als Felgenbremsen, sich aber auch besser dosieren lassen. So muss man das Bremsen erstmal richtig lernen. Dabei sollte man auch eine Vollbremsung ausprobieren, um im Notfall zu wissen, wie das Rad reagiert. Was natürlich ein wichtiger Punkt ist: Viele Menschen verunfallen mit ihrem Pedelec beim Langsam fahren, weil sie nicht mehr die Haltekraft haben, um das Rad richtig ausbalancieren zu können. Das ist ein Punkt, der Übung benötigt. Dazu gehört auch das Abbiegen, wenn man nur eine Hand am Lenker hat. Was als Sicherheits-Feature natürlich nicht fehlen darf, ist ein passender Fahrradhelm.
3. Cargo- oder Lastenbikes sind gerade bei jungen Familien beliebt. Was muss man in puncto Unfallprävention beachten, wenn das „Mami-Bike“ an den Start geht?
Das Thema muss man auf zwei Ebenen betrachten. Die erste Ebene ist der oder die Fahrende. Hier gilt, wie beim Umstieg aufs Pedelec auch: Erstmal an das Fahrzeug gewöhnen. Das Lenken ist bei zwei- und dreirädrigen Lastenrädern zu trainieren. Man sieht ja die Vorderräder nicht, was äußerst ungewohnt ist. Da man anfänglich beim Losfahren Schlangenlinien fährt, sollte man das ohne Insassen ausprobieren. Klappt das, kann man beispielsweise zuerst einmal mit schwerem Einkauf das Fahr- und Bremsverhalten der Räder mit Gepäck testen. Erst dann sollte man die Kinder an Bord holen. Und hier sind wir bei der zweiten Ebene: Kinder sollten auch im Lastenrad einen Helm tragen und immer fest angegurtet sein. Zudem ist die Herstellerangabe für erlaubtes Gewicht und Größe der Kinder zu beachten. Auch wichtig: Eine Transportbox aus EPP-Material bietet einen deutlich besseren Schutz als eine Holzbox. Das Material wirkt bei einem Zusammenstoß wie eine Knautschzone beim Auto.
4. Das richtige Rad statt das Rad für Ältere. Welche Bauformen sichern tatsächlich Beweglichkeit – tiefer Durchstieg, Dreirad oder kürzerer Radstand?
Diese Frage kann man pauschal nicht beantworten, da sie vom Einzelfall abhängt. Im Alter kommen durch Krankheiten leider gewisse Einschränkungen dazu. Deshalb hängt die Wahl des richtigen Fahrrads auch davon ab, welches Rad zu den individuellen Bedürfnissen passt. Ein tiefer Durchstieg ist etwas für Menschen, die beispielsweise aufgrund von Hüft- oder Kniebeschwerden ihr Bein „nicht mehr über die Stange bekommen“. Dreiräder sind kippstabil und somit für Menschen, die beispielsweise bei langwierigen Krankheiten wie Parkinson, Multipler Sklerose oder Schwindel nicht mehr ein „normales“ Fahrrad nutzen können. Für sie gibt das Dreirad Sicherheit und Mobilität. Räder mit kurzem Radstand und kleinen 20-Zoll-Reifen hingegen können Menschen unterstützen, die aufgrund von Krankheit oder auch hohem Gewicht sich auf einem Rad mit größeren Reifen nicht mehr wohl fühlen. Das ist ja eigentlich das Schöne: Fast jeder kann mittlerweile am Fahrradmarkt eine passende Mobilitätslösung finden.
5. Gesehen werden. Nach der Aussage, dass Lichttechnik auch Verantwortung mitbringt: Was macht wirklich sichtbar – und was ist mehr Gefühl als Wirkung?
Fahrradlicht an in den letzten Jahren deutlich an Sichtbarkeit gewonnen. Ein guter Scheinwerfer sorgt einerseits für eine gute Ausleuchtung. Viel Wert wird auf eine gute Nahfeldausleuchtung gelegt, sodass man auch bei Dunkelheit keine Überraschungen durch, z. B. Schlaglöcher, am Weg erlebt. Andererseits sorgt der Scheinwerfer auch dafür, dass man als Radfahrender von anderen Verkehrsteilnehmenden viel früher wahrgenommen wird. Was allerdings manchmal vergessen wird: Das Rücklicht nach hinten ist sogar noch wichtiger als der Scheinwerfer. Der Verkehr von hinten erkennt Radfahrende nur durch das Rücklicht. Ein breites Rücklicht im besten Fall kombiniert mit einem Bremslicht sorgt hier für deutlich mehr Sichtbarkeit und somit Sicherheit. Seit zwei Jahren sind jetzt auch Blinker an Fahrräder und Pedelecs erlaubt. Das sorgt nochmals für ein Mehr an Sichtbarkeit, gerade beim Abbiegen bei Dunkelheit. Wichtig sind auch reflektierende Reifen, die die seitliche Sichtbarkeit erhöhen. Ansonsten hilft alles, was einen sichtbarer macht – da kann auch reflektierende Kleidung oder eine reflektierende Tasche am Rad sein.
6. Nach Ihrer 12.500 Kilometer langen Alltagsradreise ziehen Sie das Fazit, dass die Menschen freundlicher sind als ihr Ruf. Was folgt daraus für die Ansprache?
Wie viel Sicherheitswissen verträgt eine Botschaft, die zum Losfahren einladen soll? Schießt sie über das Ziel hinaus? Kein Fundamentalismus würde sich sagen: Botschaften, die begeistern und die motivieren, sind gefragt. Das mit dem erhobenen Zeigefinger klappt eher weniger, haben die Analysen von Kampagnen gezeigt. Wer mit dem Rad unterwegs ist, der kann viel erleben. Und zwar vor allem positives. Darüber sprechen. Zeigen, welcher Gewinn an Lebensqualität es ist, selbst kleine Wege im Alltag mit dem dem Rad zurückzulegen. Das muss ja auch nicht immer sein: Wenn Wetterung, Terminlage und Stimmung passen. An „schlechten“ Tagen kann man ja auch wieder in alte Muster verfallen. Zur Freundlichkeit: Leider zeigen die Studien, dass die Stimmung im Verkehrsraum rauer wird. Doch statt mit Fingern auf andere zu zeigen, einfach mal ein Hauch Wohlwollen und Freundlichkeit ins Verkehrsgetümmel starten und sich einfach vornehmen, sich von keinem die Laune nehmen zu lassen und auch vielleicht gar ein wenig gute Stimmung verbreiten. Ich bin überzeugt, dass gute Stimmung auch für sichere Fahrt sorgt.

Gunnar Fehlau mischt als "Velopreneur" seit Mitte der 1980er in der Fahrradszene mit und ist einer ihrer eifrigsten Chronisten: Etwa in verschiedensten Magazinen (u.a. Radfahren, Bike, BikeBild, Spiegel.de), als Herausgeber des Radkulturmagazins fahrstil, in diversen Fachbücher (zuletzt "Workpacking - Mein Jahr als digitaler Lastenradnomade“) und als (Mit)Begründer der Grenzsteintrophy, des Candy B. Graveller und des Bikepacking Deutschland e.V.. Sein Hauptjob ist der pressedienst-fahrrad, der die Welten Fahrrad und Medien zusammenbringt, dieser bietet "alles", um der Recherche von Journalist:innen Rückenwind zu geben und so dem Fahrrad mehr Öffentlichkeit.
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