Simon M. Höhner

Gute Radwege sind gleichzeitig gute E-Scooter-Infrastruktur.

1. Die häufigste Unfallursache bei E-Scootern ist die falsche Benutzung von Fahrbahn und Gehweg. Wie kommt es zu dieser Fehlentscheidung im Alltag?

Das ist häufig weniger Unwissen als eine intuitive Sicherheitsentscheidung: Auf der Fahrbahn fühlt man sich zwischen Autos, Bussen und Lkw auf den kleinen Rädern eines E-Scooters ungeschützt – also weicht man auf den vermeintlich sicheren Gehweg aus. Damit verlagert man das Risiko allerdings zu den zu Fuß Gehenden. Genau hier setzt Vision Zero an: Wir dürfen nicht nur fragen, warum Menschen Fehler machen, sondern müssen den Verkehrsraum so gestalten, dass die sichere Entscheidung auch die naheliegende Entscheidung ist. Eine gut erkennbare, durchgängige und sichere Radverkehrsführung hilft deshalb auch den E-Scooter-Fahrenden.

2. Was können Städte und Gemeinden einfach und ohne hohe Kosten tun, um die Bedingungen für E-Scooter im öffentlichen Raum zu verbessern?

Oft braucht es zunächst keine Millioneninvestitionen. Klare Markierungen, verständliche Wegweisung, gut erkennbare Führungen an Konfliktstellen und sinnvoll angeordnete Abstellflächen können schon viel bewirken. Besonders wichtig ist, Lücken und unklare Übergänge in der Radverkehrsführung zu identifizieren.
Beim Sharing kommt das Abstellen hinzu: Scooter gehören nicht auf Blindenleitstreifen, vor Rampen oder quer über den Gehweg. Definierte Abstellflächen schaffen Ordnung und Barrierefreiheit. Langfristig führt aber kein Weg an einer sicheren, durchgängigen Radverkehrsinfrastruktur vorbei. Gute Radwege sind gleichzeitig gute E-Scooter-Infrastruktur.

3. Rund 80 Prozent der Scooter befinden sich in Privatbesitz. Was muss in den ersten 30 Minuten nach dem Kauf gelernt und verstanden werden?

Nicht sofort losfahren – erst einmal kennenlernen. In den ersten 30 Minuten gehören Anfahren, dosiertes Bremsen mit beiden Bremsen, langsames Kurvenfahren, Ausweichen und der Schulterblick auf den Trainingsplan. Dazu kommt die richtige Fußstellung: versetzt statt nebeneinander. Und bevor es in den Straßenverkehr geht, müssen die wichtigsten Regeln sitzen: Wo darf ich fahren? Wie zeige ich einen Richtungswechsel an? Wie verhalte ich mich an Kreuzungen und gegenüber zu Fuß Gehenden? Ein E-Scooter sieht unkompliziert aus. Seine kleinen Räder, der kurze Radstand und die stehende Fahrposition machen ihn aber fahrdynamisch deutlich anspruchsvoller, als viele beim ersten Aufsteigen erwarten.

4. Es gibt keine Helmpflicht für E-Scooter. Was überzeugt Menschen erfahrungsgemäß eher, Fakten oder Emotionen?

Am besten die Verbindung aus beidem. Mit dem erhobenen Zeigefinger erreichen wir wenig. Menschen müssen verstehen, warum ein Helm beim E-Scooter sinnvoll ist: Wir stehen relativ hoch, fahren bis zu 20 km/h und haben sehr kleine Räder. Ein Schlagloch, eine Schiene oder eine Bordsteinkante kann deshalb sehr abrupt zum Sturz führen. Der entscheidende Satz ist für mich: Keine Helmpflicht bedeutet nicht, dass ein Helm keinen Sinn ergibt.

Wir wollen Menschen nicht vom E-Scooter abschrecken. Im Sinne der Vision Zero wollen wir erreichen, dass ein vermeidbarer Fahrfehler oder eine kleine Unachtsamkeit nicht mit einer schweren Kopfverletzung endet.

5. Der Anteil der älteren Menschen ist gering, nur gut drei Prozent der Fahrenden sind über 65. Wird er in naher Zukunft deutlich steigen? Wie erleben Sie den „rollenden Rentner“?

Ich würde mit dem Begriff „rollender Rentner“ vorsichtig umgehen. Mobilität ist keine Frage des Geburtsjahres, sondern der individuellen Fähigkeiten und des passenden Verkehrsmittels. Der E-Scooter wird aus meiner Sicht auch künftig eher kein klassisches Seniorenverkehrsmittel werden. Die kleinen Räder, die stehende Position und die notwendige Balance stellen Anforderungen, die beispielsweise ein Fahrrad oder Pedelec anders löst. Trotzdem wird es selbstverständlich ältere Menschen geben, für die ein E-Scooter gut funktioniert. Entscheidend ist deshalb nicht das Alter im Personalausweis. Wer sicher auf- und absteigen, bremsen, Schulterblick und Richtungswechsel beherrschen und auch in unerwarteten Situationen stabil reagieren kann, kann einen E-Scooter nutzen. Wer dabei Schwierigkeiten hat, sollte ein anderes Verkehrsmittel wählen. Sichere Mobilität bedeutet nicht, dass jedes Verkehrsmittel für jeden Menschen geeignet sein muss.

Simon M. Höhner
Simon M. Höhner Geschäftsführer · Verkehrswacht Düsseldorf e.V.

Simon M. Höhner, geboren 1982, ist Diplom-Ökonom und verfügt über mehr als 20 Jahre Berufs- und Führungserfahrung. Seit 2006 ist er Geschäftsführer der Verkehrswacht Düsseldorf e.V. und verantwortet dort die strategische und operative Weiterentwicklung der Organisation mit den Schwerpunkten Verkehrssicherheit, Mobilitätsbildung und Vision Zero. Seit Gründung der Verkehrswacht Düsseldorf Dienstleistungsgesellschaft mbH im Jahr 2009 ist er zudem deren Geschäftsführer und verantwortet Dienstleistungen in den Bereichen Verkehrs- und Parkraummanagement, Verkehrssicherheit, Mobilität und Veranstaltungsmanagement.
Neben seinen Geschäftsführungsfunktionen bringt Höhner seine Expertise in verschiedene Fachgremien ein. Seit 2018 wirkt er in der Fachgruppe Mobilität zum Mobilitätsplan D der Landeshauptstadt Düsseldorf mit. Seit April 2024 gehört er dem Vorstand der Landesverkehrswacht Nordrhein-Westfalen an. Seine Arbeit ist geprägt von der Verbindung verkehrswissenschaftlicher und ökonomischer Perspektiven mit der praktischen Umsetzung von Präventionsmaßnahmen sowie der Weiterentwicklung einer sicheren und nachhaltigen Mobilität im Sinne der Vision Zero."

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