Katharina Bergschneider

Ein Rollator sollte immer zum Menschen passen – nicht umgekehrt.

1. Woran lässt sich ohne großes Fachwissen erkennen, ob ein Rollator richtig eingestellt ist? Welcher ist der häufigste Fehler, der sich in einem einzigen Handgriff beheben lässt?
Ein gut eingestellter Rollator ermöglicht eine möglichst aufrechte Körperhaltung während des Stehens und Gehens. Die Griffe des Rollators sollten auf Höhe der Handgelenke liegen, wenn die Arme locker hängen. Beim Gehen bleiben die Schultern entspannt und die Ellenbogen sind leicht gebeugt. Häufig ist jedoch die Griffhöhe zu hoch eingestellt. Dadurch schieben viele Nutzer während des Gehens ihren Rollator zu weit nach vorne, belasten Rücken und Schultern unnötig und verlieren an Stabilität. Mit der korrekten Höheneinstellung lässt sich die Haltung sofort verbessern und das Gehen wird sicherer und angenehmer, ob beim Spaziergang oder auf dem Weg zum Supermarkt.

2. Die erste Woche mit Rollator. Ärztliche Verordnung, Sanitätshaus, erster Weg zum Bäcker: An welcher Stelle dieser Kette geht die Sicherheit am häufigsten verloren und wie sähe ein guter Start aus?
Aus meiner Sicht und nach vielen Gesprächen mit Rollatornutzern entsteht die größte Sicherheitslücke nach der Übergabe des Rollators. Das Hilfsmittel wird meist im Sanitätshaus angepasst und erklärt, jedoch gehen viele Menschen anschließend ohne praktisches Training nach Hause. Dabei beginnt die eigentliche Herausforderung erst zu Hause, im täglichen Leben. Der erste Weg zum Bäcker, eine Bordsteinkante, eine schwere Eingangstür oder das Verstauen von Einkäufen – genau dort passieren die meisten Unsicherheiten. Viele Rollatorfahrer schieben den Rollator zu weit vor sich her, stellen ihn beim Hinsetzen fehlerhaft ab oder nutzen die Bremsen nicht konsequent. Das erhöht das Sturzrisiko. Ein guter Start bedeutet deshalb: Der Rollator wird individuell eingestellt und anschließend in typischen Alltagssituationen ausprobiert. Dazu gehören sicheres Gehen, Bremsen, Wenden, Hinsetzen und Aufstehen sowie das Überwinden kleiner Hindernisse. Schon 20 bis 30 Minuten praktisches Training können einen großen Unterschied machen. Mein Wunsch wäre, dass jeder Rollatornutzer eine kurze Alltagseinweisung erhält – denn Sicherheit entsteht nicht durch das Hilfsmittel allein, sondern durch den richtigen und sicheren Umgang damit.

3. Der Rollator aus zweiter Hand. Viele Geräte werden weitergegeben oder lange genutzte Gehhilfen nie angepasst. Was passiert, wenn ein Rollator nicht auf den Nutzer eingestellt ist?
Ein Rollator sollte immer zum Menschen passen – nicht umgekehrt. Ein gebrauchtes Modell kann genauso gut funktionieren, wenn es individuell angepasst wird. Ist der Rollator jedoch zu hoch oder zu niedrig eingestellt, sind Bremsen und Räder verschlissen oder passt der Handgriff nicht zur Hand des neuen Nutzers, geht das auf Kosten der Sicherheit. Dies kann z.B. Fehlhaltungen, Muskelverspannungen und Gelenkschmerzen zur Folge haben und das Sturzrisiko erhöhen. Gerade im täglichen Leben, etwa beim Spaziergang zum Supermarkt, beim Gehen auf Kopfsteinpflaster oder beim Überqueren einer Straße werden solche Unterschiede deutlich.

4. Welche Alltagssituationen sind technisch am anspruchsvollsten bei der Rollatornutzung und welches Verhalten ist zu erlernen, um sich von A nach B zu bewegen?
Die größten Herausforderungen sehe ich selten bei längeren Spaziergängen im Park oder in der heimischen Siedlung, sondern im Alltag des Nutzers: Bordsteine, Türschwellen, enge Aufzüge, nasse Gehwege, Gefälle oder das Einsteigen in Bus und Bahn. Viele Menschen schieben den Rollator zu weit vor sich her, heben ihn über Bordsteinkanten oder nutzen die Bremsen fehlerhaft oder gar nicht. Wichtig ist, den Rollator körpernah zu führen, vorausschauend zu gehen und rechtzeitig zu bremsen. Auch das Üben von engen Kurven mit Hilfe der Betätigung der Bremsen ist für ein kraftsparendes Gehen sehr wichtig. Wer diese Bewegungsabläufe trainiert, bewegt sich sicherer und mit deutlich mehr Selbstvertrauen.

5. Ein Rollator ist nicht nur ein Thema für hohe Altersklassen – nach Unfällen oder bei Krankheiten wie MS oder Parkinson beginnt die Nutzung früher. Was ändert sich dadurch an Beratung und Training?
Ein Rollator ist heute längst nicht mehr nur ein Hilfsmittel für ältere Menschen. Nach einer Operation, einem Unfall oder bei Erkrankungen wie MS oder Parkinson unterstützt er auch jüngere Menschen dabei, mobil und selbstständig zu bleiben – im Beruf, im Studium oder in der Freizeit. Genau deshalb ist die richtige Auswahl entscheidend. Moderne Rollatoren sind leicht, wendig und funktional. Ein geringes Gewicht erleichtert das Anheben und den Transport, große Räder sorgen für mehr Komfort auf unterschiedlichen Untergründen und ergonomische Griffe erhöhen den Gehkomfort. Für die Wohnung bieten spezielle Wohnraumrollatoren zusätzliche Sicherheit und erleichtern Tätigkeiten im Haushalt, etwa beim Transport von Mahlzeiten oder anderen Gegenständen. Bei speziellen Modellen ist sogar das Fortbewegen im Sitzen möglich. Gleichzeitig verändert sich auch das Bild des Rollators in der Gesellschaft. Hochwertiges Design, moderne Materialien und durchdachte Funktionen tragen dazu bei, alte Vorurteile abzubauen. Ein Rollator sollte nicht als Zeichen von Schwäche gesehen werden, sondern als Freiheitsinstrument, das Menschen dabei unterstützt, aktiv zu bleiben und am Leben teilzunehmen, unabhängig vom Alter. Wer sich mit einem passenden Rollator sicher fühlt und vor allem wohlfühlt, geht häufiger aus dem Haus, bleibt selbstständiger und gewinnt ein Stück Lebensqualität zurück.

Katharina Bergschneider
Katharina BergschneiderPhysiotherapeutin

Katharina Bergschneider ist staatlich examinierte Physiotherapeutin und Product Manager Medical bei Saljol. Als Rollatorenexpertin und Speakerin vereint sie physiotherapeutische Fachkompetenz mit langjähriger Erfahrung für die nutzerorientierte Gestaltung moderner Mobilitätshilfen. Als Entwicklerin des Bewegungskonzepts Rollastic bringt sie ihre Expertise in die Konzeption neuer Produkte sowie in die Optimierung und Überarbeitung bestehender Lösungen ein. Ihr Fokus liegt darauf, physiotherapeutische Erkenntnisse in funktionale und alltagstaugliche Hilfsmittel zu übertragen, die Mobilität, Sicherheit und Selbstständigkeit nachhaltig unterstützen.

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